Maschinelle Übersetzung – werden wir juristische Übersetzer bald obsolet?

Seit Jahren im Kommen, nun nicht mehr wegzudenken: die maschinelle Übersetzung. Die Technologie ist nun weit genug entwickelt, um ganze Texte ganz passabel in eine Zielsprache zu bringen. Der Mensch ist nur dann zur Nachbearbeitung und zum Verfeinern des Textes gebraucht. Inwieweit ist die Technologie für die juristische Übersetzung einsetzbar?

Der Trend-Bericht des CAT-Tool Herstellers MemoQ für 2019 behandelt eines der größten Themen in der Welt der Übersetzer zurzeit: die maschinelle Übersetzung. Diese Technologie entwickelt sich in schwindelerregender Geschwindigkeit und wird immer besser. In Wahrheit kann man schon sagen: es gehört zu der Übersetzungsindustrie dazu.

Für uns Übersetzer ist es beunruhigend – unsere wirtschaftliche Existenz hängt schließlich davon ab, dass wir noch gebraucht werden. Nichtsdestotrotz wäre es fahrlässig, die Augen vor der Frage zu schließen: wird uns die maschinelle uns je komplett ersetzen? Wenn ja, wie schnell kommt das?

Positive Aspekte

Es gibt ja auch positive Aspekte der maschinellen Übersetzung. Indem Texte innerhalb Sekunden aus einer Sprache in eine andere gebracht werden können, wird die Arbeit schneller und effizienter. So kann man sich einen entscheidenden Vorteil schaffen im Wettbewerb mit anderen Übersetzern. Gérgely Vandor von MemoQ druckt es noch deutlicher aus: „niemand kann sich heutzutage leisten, auf die maschinelle Übersetzung zu verzichten.“

Wo maschinelle Übersetzung verwendet wird kommt der Übersetzer erst nachher zum Einsatz, um den übersetzten Text nachzuarbeiten (engl. „post-editing“). Da die automatische Übersetzung (noch) nicht soweit entwickelt ist, dass sämtliche Feinheiten und Nuancen eines Quelltextes erkannt und in die Zielsprache punktgenau transportiert werden, ist das Input eines Menschen noch erforderlich.

Bei manchen Texten könnte das sehr wohl zu Ersparnissen von Kosten und Zeit führen – sowohl für den Auftraggeber als auch für den Arbeitnehmer. Es bedeutet aber nicht, dass der Übersetzer sich vollkommen auf die Weisheit des Computers verlassen kann bzw. ohne ein gründliches Verständnis des Quelltextes und seiner Zusammenhänge auskommt. Höchster Konzentration ist auch bei der Nachbearbeitung vonnöten, da Fehler in der Übersetzung sehr gut versteckt sein könnten.

Eine unsichere Zukunft?

Was aber für juristische Übersetzer? Juristische Texte sind für ihre spezielle Sprache bekannt. Sie sind nuanciert, sind ggfs. sehr individuell verhandelt und bedürfen deshalb der Auslegung eines ausgebildeten Juristen. Andererseits sind sehr viele Verträge in der juristischen Welt hoch standardisiert (i.e. ISDA Verträge) oder im Wesentlichen immer gleich (z.B. Salvatorische Klauseln). In solchen Fällen könnte die maschinelle Übersetzung schon zumindest einen Teil der Arbeit eines juristischen Übersetzers übernehmen.

Als Teil meiner Recherche zu diesem Artikel habe ich ein kleines Experiment gewagt. Ich habe mir einen typischen Forderungskaufvertrag ausgesucht und eine Klausel zur maschinellen Übersetzung ausgewählt. Die Klausel ist typisch für Verträge dieser Art, enthält aber etliches an Terminologie und Wörter, die in der juristischen Sprache eine ganz andere Bedeutung haben als im alltäglichen Sprachgebrauch. Übersetzt Google das richtig? Ich bin gespannt.

Hier die Resultate meines Experimentes:

Der Originaltext

HIERMIT WIRD DIE FOLGENDE ABTRETUNG VORGENOMMEN:

Der Zedent hat eine Forderung gegen [Vor- und Nachname des Schuldners], wohnhaft in Wien, in Höhe von 5.000 Euro zuzüglich 5 % Zinsen pro Monat seit dem 31.01.2003. Die Forderung wird dokumentiert durch den Kaufvertrag vom 15.12.2002.

Der ZEDENT tritt diese Forderung hiermit an den ZESSIONAR ab.

Der ZESSIONAR nimmt die Abtretung hiermit an.

Der ZESSIONAR darf die Abtretung dem Schuldner sofort schriftlich anzeigen.

Der ZEDENT haftet für den Bestand der abgetretenen Forderung.

Er ist verfügungsberechtigt und garantiert, dass Rechte Dritter an der Forderung nicht bestehen und dass der Schuldner die Abtretbarkeit gemäß § 399 BGB nicht ausgeschlossen hat.

Der ZEDENT hat die Forderung nicht bereits an Dritte abgetreten.

Darüber hinaus schließt der ZEDENT jegliche Haftungsansprüche aus, insbesondere steht er nicht für die Durchsetzbarkeit der Forderung ein.

Die maschinelle Übersetzung (vor Nachbearbeitung):

HEREBY THE FOLLOWING ASSIGNMENT IS MADE:

The cedant has a claim against [first and last name of the debtor], residing in Vienna, in the amount of 5,000 euros plus 5% interest per month since 31.01.2003. The claim is documented by the purchase agreement dated 15.12.2002.

The ZEDENT hereby assigns this requirement to the ZESSIONAR.

The ZESSIONAR hereby accepts the assignment.

The ZESSIONAR may immediately notify the assignment in writing to the debtor.

The ZEDENT is liable for the stock of the assigned claim.

He is authorized to dispose of and guarantees that rights of third parties do not exist in the claim and that the debtor has not ruled out the assignment according to § 399 BGB.

The ZEDENT has not already assigned the claim to third parties.

In addition, the ZEDENT excludes any liability claims, in particular he is not responsible for the enforceability of the claim.

Nun, wir können schon sehen, dass – obwohl uns MT ein gutes Grundgerüst gegeben hat, sind noch etliche Korrekturen zu machen. Hier eine kurze (nicht abschließende) Liste:

  • Die spezifische Terminologie (Zedent/Zessionar) wurde nicht erkannt. Statt „assignor/assigner“ und „assignee“, wurden die Wörter im Quelltext einfach „angliziert“, oder überhaupt in Deutsch belassen.
  • “Forderung” wurde nicht einheitlich übersetzt, und es wurde auch nicht im richtigen Zusammenhang gelesen. Auf Englisch ist es im Rahmen eines Forderungskaufes entweder als „claim” oder als „accounts receivable” zu übersetzen. „Requirement” ist zwar im normalen Sprachgebrauch eine mögliche Übersetzung – ist jedoch in diesem Zusammenhang falsch.
  • “Bestand” wäre in diesem Zusammenhang mit „existence“ oder „validity“ zu übersetzen. „Stock“ ist hier falsch.
  • Der Satz “He is authorized to dispose of and guarantees that rights of third parties do not exist in the claim and that the debtor has not ruled out the assignment according to § 399 BGB” ist überhaupt sehr ungelenkt und braucht neu formuliert zu werden.

Der nachbearbeitete Text

HEREBY THE FOLLOWING ASSIGNMENT IS MADE:

The assignor has a claim against [first and last name of the debtor], residing in Vienna, in the amount of EUR 5,000 plus 5% interest per month since 31.01.2003. The claim is documented by the purchase agreement dated 15.12.2002.

The ASSIGNOR hereby assigns the claim to the ASSIGNEE.

The ASSIGNEE hereby accepts the assignment.

The ASSIGNEE may immediately notify the debtor of the assignment in writing.

The ASSIGNOR is liable for the existence of the assigned claim.

The ASSIGNOR is authorized to dispose over the claim, guarantees that it is free from any rights or claims of third parties and that the debtor has not excluded assignment according to section 399 German Civil Code (Bürgerliches Gesetzbuch, BGB).

The ASSIGNOR has not already assigned the claim to a third party.

In addition, the ASSIGNOR excludes any liability claims. In particular, the ASSIGNOR is not liable for the enforceability of the claim.

Fazit

Ich denke nicht, dass (menschliche) juristische Übersetzer in nächster Zeit vollkommen arbeitslos sein werden. Die Übersetzungen, die maschinell angefertigt werden bedürfen noch einer gründlichen Nachbearbeitung bevor sie geliefert werden können. Es wäre aber nicht sehr weise, weg von der weiteren Entwicklung zu schauen. Die Technologie wird besser und stärker werden – gegebenenfalls wird es in die üblichen CAT Tools integriert. Der Post-Editing Markt wird weiterwachsen. Sind Sie bereit?

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