Juristische Übersetzungen: “euro” or “euros”? Die Tücken der Mehrzahl.

Bei juristischen Übersetzungen im Finanzbereich stellt sich häufig die Frage: was ist im Englischen korrekt – „euro“ oder „euros“? Ein Blick in die offiziellen Stilrichtlinien der Europäischen Kommission zeigt, dass es hier keine klaren Antworte gibt.

Als juristische Übersetzerin, die häufig mit Texten aus der Finanzwelt zu tun hat, finde ich mich immer wieder mit der Frage konfrontiert: wie gehe ich mit der Mehrzahl des Währungsnamens „euro“ um? „Euros“ klingt in meinen Ohren zwar „englischer“ – gleichzeitig sieht es etwas komisch aus, wenn es ausgeschrieben wird. Geldscheine werden auch mit „euro“ statt „euros“ abgedruckt. Gibt es hier eine Regelung?

Einheitlichkeit vs. Vielfalt – ein sehr europäisches Spannungsfeld

Jein. Die offizielle Praxis in der englischsprachigen Gesetzgebung der EU ist es, „euro“ bzw. „cent“ zu verwenden – für die Einzahl als auch die Mehrzahl (siehe  http://ec.europa.eu/economy_finance/publications/publication6336_en.pdf). Dabei wird in einer Fußnote zur Kenntnis genommen, dass dies von dem üblichen Sprachgebrauch abweicht.

Das ist das Ergebnis von Bestrebungen, eine einheitliche Bezeichnung für die Währung durch die gesamte Union zu schaffen. Dies sollte einerseits Rechtssicherheit in Bezug auf die Währung erhöhen und anderseits Verwirrungen vermeiden. Die Regelung gilt vor allem für die von der EU erlassenen Rechtsakte – eine Kompetenz der EU, eine bestimmte Buchstabierung in den nationalen Gesetzen vorzuschreiben, besteht nicht. Ebenso wenig darf die EU in die grammatikalischen Regelungen der Sprachen der Mitgliedsstaaten eingreifen.

Argumente, dass die Gesetzgeber auf EU Ebene beabsichtigte, einen Unterschied bei der Buchstabierung der Mehrzahl von „euro“ zu schaffen, sind kaum glaubwürdig. Dies hätte das vorgenannte Ziel, möglichst viel Einheitlichkeit und Rechtssicherheit in Währungssachen zu gewährleisten, klar widersprochen.

Lösungsansätze der Kommission

Nichtsdestotrotz lässt die Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission die Verwendung der üblichen Mehrzahl („euros“, „cents“) ausdrücklich zu, wo dies „angemessen“ erscheint (siehe Punkt 8.4 der Stilrichtlinien für die englische Sprache für Übersetzer in der Europäischen Kommission, Stand: Juni 2016). Wann die Verwendung der üblichen Mehrzahl („euros“) angemessen in diesem Sinne ist, lässt die Richtlinie offen.

Es gibt doch die Empfehlung ab, so oft wie möglich das „€“ Zeichen bzw. die Abkürzung „EUR“ zu verwenden – besonders in Dokumenten wo häufig auf Geldbeträge Bezug genommen wird.Ab wann man die übliche englische Mehrzahl „euros“ verwenden darf, bleibt also unklar und muss im Einzelfall entschieden werden. Hier ein paar Vorschläge:

Prosa

Prosa wird definiert als „normales Schreiben, ohne eine besondere Form…die meisten Menschen denken und sprechen in Prosa.“ Kommen Geldbeträge in Euro in Prosa vor, empfiehlt es sich, auf Englisch die Mehrzahl mit „s“ zu verwenden. Das entspricht viel eher dem Sprachgebrauch auf Englisch.

Zitate

Muss man die indirekte Rede übersetzen, ist wieder die Mehrzahl mit „s“ zu bevorzugen.

z.B. „Das Buch kostet zehn Euro und fünfzig Cent.“

„The book costs ten euros and fifty cents.“

Rechtliches

In juristischen Texten kann man meist Geldbeträge in Euro mit dem Zeichen oder mit der Abkürzung „EUR“ versehen. Nichtsdestotrotz muss man häufig den vollen Namen der Währung verwenden – beispielsweise wo vorkommende Geldbeträge der Klarheit halber in Wörtern ausgeschrieben werden. Hier sollte man lieber auf die Mehrzahl ohne „s“ abstellen.

Z.B.

„Der Käufer wird bis 31. Dezember 2016 einen Betrag von EUR 50.000 (in Wörtern: fünfzigtausend Euro) auf das Konto des Verkäufers überweisen.“

„The buyer will transfer EUR 50,000 (in words: fifty thousand euro) to the seller’s account by 31 December 2016.”

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